Gott, der große Künstler
Ich kann nicht anders
muss als allererstes
Gott als den großen Künstler beschreiben
Wie er am ersten aller Tage
sprach: es werde – und es wurde
so dass diese Welt nicht einfach vom Himmel fiel
sondern ins Leben geliebt wurde
Und am zweiten aller Tage
als die Festen zu neuen Räumen wurden
und der Himmel entstand
verrückte Erde, da hingerückt, da weggerückt
es entstanden
der Kilimandscharo, die Toskana, die Sahara
das Kap der guten Hoffnung und das Ruhrgebiet
Und wie am dritten Tag der Erde das Grün aufging
Olivgrün, Türkisgrün, helles Lindgrün, Gras- und
Waldgrün, Smaragdgrün, Neongrün, Flaschengrün
Goldgrün und Kiwigrün
kleine Halme, starke Bäume, Blumen
dafür erfand er die ganze Palette Farben
Rot, Gelb, Orange, Apricot, Beige, Lila, Rosa, Blau
Türkis, Braun, Grau, Gold, Silber, Blond…
Und Gott machte Rosen in verschiedenen Farben
und für verschiedene Orte
Kletterrosen, Heckenrosen, Seerosen
für eins von Gott Lieblingsfesten: Pfingstrosen
und eine für Jesus, eine Christrose
Und dann machte er noch
Astern, Tulpen, Gänseblümchen, Freesien, Gerbera
Narzissen, die irgendwann Osterglocken genannt wurden
Disteln, Nelken, Anemonen, Petunien, für die Kinder Pusteblumen
und für bayrische Hotels Geranien
Dahlien, Astern, Ginster, Glockenblumen, Clematis, Primeln, Enzian
für den Winter Schneeglöckchen, Orchideen, Chrysanthemen, Krokusse
Alpenveilchen, Sonnenblumen, Iris, Phlox, Lilien, Mohn, Kornblumen
und für alle, die sich das nicht merken können, Vergissmeinnicht
Sie viel Phantasie in Blumen investiert
die keinen Sinn haben außer die Erde schön zu blühen
ein echter Künstler
Und machte am vierten aller Tage
Lichter zum Jonglieren
die Sonne wird in die Bahn geworfen
Leuchten und Strahlen, Blinken werden erfunden
Sommer, Tag und Nacht
die Welt erlebt Morgenrot
und es dämmert ihr
es gibt keine Nacht mehr ohne Zeichen
das Dunkel weicht
und kein Stern ist Gott schnuppe
Und am fünften aller Tage
machte Gott Fische und Vögel
und wie man in seinem Element ist
abtauchen, mitschwärmen
in die Tiefe gehen, aufsteigen
fliegen, federleicht sein
den Himmel anhimmeln
getragen werden
Wind und Wellen
Wasserfälle, Wogen
Wolken, Blitz und Donnerstag
Und dann am sechsten Tag
macht Gott alle Sorten Tiere
Kamele, kleine und große Katzen, Goldfische
Zebrastreifen und Zitronenfalter, weiße Tauben, schlaue Füchse
Ponys, Puten, Piranhas, Perlhühner, Pelzmäuse, Präriehunde
Papageien und Pudel
Und dann machte er als Extra-Vergnügen noch
Muscheln, Diamanten, Perlen, Honig, Himbeeren, Kokosnüsse
und Kaffeebohnen (und fragte sich, schmunzelnd: ob die rausfinden
wie man das lecker kriegt?)
Und guckte er sich das alles an
und gab ihm die Note „sehr gut: eins“ und fühlte sich einsam
und machte zwei, wollte es so gerne mit jemandem teilen
und erfand den Menschen
auch in verschiedenen Variationen
große, kurze, runde, drahtige, dürre, faustdicke, schmale, leichte
blasse, dunklere, lockige, sommersprossige
- unterschiedlich, aber innen, und das ist wichtig, haben alle ein Herz
Und da erfand Gott die Liebe
und die Musik, das Feuer, Poesie, Fußball, Postkarten, Wolldecken
Spaghetti, Kerzen, Kitzeln, Niesen
Purzelbäume, Witze, Kugeln, Küssen, Schlafen, Träumen, Schenken
und die Schmetterlinge im Bauch
die segnete er auch
Und dann erfand er ganz zum Schluss
wie aus der Puste die Pause
und das Vergnügen, Spielen, Ausflüge, Staunen
Urlaub, Ausruhen, Mittagsschlaf
Schabbat, das letzte Siebtel einer Woche
Durchatmen, zweckfreie Zeit, die sinnvoll ist, beten
und heilige Sehnsucht
Und segnete das ganze
setzte seine große Unterschrift
unter sein göttlich einmalige Kunstwerk

auch der herbst hat was - 11. Mär, 19:12